„Rennrad Istrien“

Bereits zu Weihnachten sinnierten wir stundenlang über alle möglichen Optionen für unser diesjähriges Trainingslager. Zur Auswahl standen die üblichen Verdächtigen: Mallorca, Toskana sowie Südtirol. Selbst der Süden Österreichs wurde für kurze Zeit in Erwägung gezogen. Als wir jedoch die beiden Worte „Rennrad Istrien“ in die Suchmaschine tippten, war niemandem von uns bewusst, dass damit der Grundstein für eine unvergessliche Woche mit 600 Kilometern und 8500 Höhenmetern gelegt wurde.


Umag, Novigrad, Porec, Rovinj – oder eben Kukci…

Istrien bietet eine Unmenge sehenswerter Orte – wer jedoch den perfekten Ausgangspunkt für seine Rennradtouren finden möchte, bewertet üblicherweise nach anderen Kriterien. Es gilt, stark frequentierte Verkehrsrouten zu meiden und (um Langeweile vorzubeugen) unzählige fahrbare Möglichkeiten zu schaffen.

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Bei der Wahl des richtigen Ausgangspunktes gilt es einiges zu beachten. Bundesstraßen machen deutlich weniger Spaß, als…
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… Landstraßen, oder…
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… Feldwege!

Unserer Meinung zufolge, bieten sich hierfür jedoch nur wenige Orte an, denn nicht alle, der oben genannten Städte werden diesen Ansprüchen gerecht.

  • In Umag startend, empfiehlt es sich stets den Reisepass bei sich zu tragen. Routen in den Norden (z.B. nach Triest) enden ansonsten abrupt an der slowenischen Staatsgrenze.
  • Novigrad hingegen lässt bereits etwas mehr Spielraum und bietet mit seinem netten Hafen eine wunderbare Kulisse für abendliche Spaziergänge.
  • Wer seine Touren jedoch von Rovinj aus starten möchte, wird schnell feststellen, dass diese Stadt (bedingt durch den Limski-Kanal) nur über wenige Straßen erreichbar ist. Die Alternativen, zum stark frequentierten Hauptverkehrsweg ins Landesinnere, sind mehr als überschaubar.
  • Mehr Abwechslung bietet hier eindeutig Porec. Mit Verkehrswegen in nahezu jede Himmelsrichtung, offenbart diese Stadt vermutlich das größte Potenzial.

Wer sich jedoch, so wie wir, nach etwas mehr Ruhe sehnt, ist definitiv mit einem der kleineren (Vor-) Orte besser bedient. Wir haben uns dieses Mal für Kukci entschieden. Ähnlich wie Tar, bietet dieser Ort die Nähe zu Porec (3km) und Novigrad (10km). Der zähe Stadtverkehr kann von hier aus einfach umfahren werden und einem entspannten Start in den Tag steht somit nichts mehr im Wege.
Auch Laufrunden über Stock und Stein, sowie durch Felder und Wälder – bei Bedarf natürlich bis ans Meer – lassen sich hier einfacher finden.


Mehr Meer = Weniger Höhenmeter

In Istrien ist für jeden etwas dabei: die Topographie lässt Rennradfahrer-Herzen höher schlagen. Wer Höhenmeter scheut, sollte sich überwiegend in Küstennähe aufhalten. Dort dümpelt man, gemeinsam mit dutzenden Autofahrern, über flache Bundesstraßen und genießt hie und da den Blick auf das weite Meer. Die Jagd nach dem nächsten Geschwindigkeitsrekord wird hier nur durch die steife Meeresbrise vereitelt.

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In Küstennähe lassen sich Höhenmeter (üblicherweise) recht gut vermeiden. Zusätzlich wird man mit dem Blick auf das offene Meer verwöhnt.

Livade für die Wade

Abwechslungsreicher und spannender gestaltet sich das Landesinnere. Die Anfahrt über Karojba nach Motovun sollte dabei auf jeder To-Do-List ganz oben stehen. Während man noch ehrfürchtig auf die mittelalterliche Stadt blickt, entdeckt man dahinter bereits das nächste Zwischenziel.

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Blick auf Motovun – im Hintergrund lässt sich bereits der nächste Anstieg (von Livade nach Oprtalj) erahnen.
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Die kerzengerade Zufahrtsstraße zum Livade-Climb lässt dir auf 1,2km Länge genügend Zeit, dich auf den Anstieg mental vorzubereiten.

Über frischen Asphalt geht es nämlich hinunter ins Tal. Genauer gesagt: nach Livade. Von dort klettert man den berühmten Anstieg nach Oprtalj empor. Der Straßenbelag ist hier zwar nicht gerade taufrisch, nach oben kommt man aber trotzdem irgendwie. Auf der Hochebene angekommen bieten sich drei Möglichkeiten besonders an:

  • Wählt man den Weg in Richtung Westen, besucht man am besten das malerische Künstlerstädtchen Grožnjan.
  • Wer sich für den Norden (z.B. nach Triest) entscheidet, sollte unbedingt den Reisepass einpacken. Ansonsten heißt es an der slowenischen Grenze einfach nur: „Zurück!“.
  • Wagt man hingegen den Abstecher in Richtung Osten, sollte man definitiv etwas Fingerkraft mitbringen. Die extrem steilen Abfahrten schonen nämlich weder Körper noch Material. All die Anstrengungen sind allerdings ihre Mühen wert. Der Weg von Buzet (über Draguć und Pazin) nach Tinjan, gehört definitiv zu den Highlights unserer Woche.
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Von Orptalj in Richtung Westen: Grožnjan ist immer eine Reise wert! Der Ausblick auf das weite Meer entschädigt für die Höhenmeter.
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Von Orptalj in Richtung Norden: Auch wir stoßen hin und wieder an (unsere) Grenzen – in diesem Fall an die Slowenische.
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Von Orptalj in Richtung Osten: Malerischer Ausblick über Draguć.

Höhenrausch

Wer sich jedoch wirklich verausgaben möchte, findet Routen, die es in sich haben. Besonders schön ist hierbei die Umrundung des Speichersees Jezero Butoniga.

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Der Süßwassersee Jezero Butoniga ist unser persönliches Highlight!
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Steigungen von unter 12% gehören auf dieser Route eher zur Ausnahme.
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Anstiege soweit das Auge reicht.

Mit Steigungen von bis zu 19%, gehören diese Anstiege definitiv zu den Härteren ihrer Kategorie. Ein kurzer Blick auf die Uhr bestätigt dir das ausgelaugte Gefühl deiner Beine: Über 1400 Höhenmeter auf knapp 54 Kilometern gehen an niemanden spurlos vorüber. Am Ende unserer Route stehen dann 2300 Höhenmeter auf unserer Uhr – bei 90 Kilometern Länge.


Von Schotter und Hunden

Wie immer, ist jedoch nicht alles Gold, das glänzt. Auch Istrien bietet einige (sprichwörtliche) Stolpersteine für uns Rennradfahrer. Wer sich nur entlang der Küste oder auf den Hauptverkehrsrouten bewegt, wird derer nicht viele finden. Wer hingegen den Abstecher ins Ungewisse nicht scheut, umso mehr.
Beinahe jede Route hatte mindestens eine unbefestigte Teilstrecke im Gepäck. Mit intaktem Material sollte sich vieles davon allerdings relativ solide meistern lassen. Bei älteren Reifen kann das aber durchaus auch den einen oder anderen Platten verursachen (…und ja, wir sprechen aus Erfahrung).

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Unbefestigte Wege gehören zur Tagesordnung. So wie hier…
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… und hier…
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… und hier.

Weitaus öfter, als mit Schotterpisten, waren wir allerdings mit freilaufenden Hunden konfrontiert. Täglich wurden wir mehrmals von überambitionierten Vierbeinern angebellt und gejagt. Verletzt wurde dabei zwar weder Mensch noch Tier, teilweise konnten wir unsere Waden jedoch nur mit zügigem Tempo oder Tritten schützen. Während man diese Begegnungen zu Beginn noch gelassen nimmt, können sie auf Dauer ziemlich nerven.


Ein Fa(hr)zit

Nichtsdestotrotz können all die Unannehmlichkeiten den positiven Gesamteindruck nur unmerklich trüben. Hierfür lassen die waldgesäumten Straßen, die steilen Anstiege und Abfahrten, die atemberaubende Ausblicke sowie die Kaffeepausen und Sonnenuntergänge am Meer das Herz des Rennradfahrers viel zu hoch schlagen.

Istrien ist vor allem Eines, Istrien ist ein wahres Rennrad-Abenteuer.

Selten hat es so viel Spaß gemacht, neue Orte zu entdecken. Jeder Tag startet mit einer ungemeinen Vorfreude und endet mit einem genugtuenden Wohlbefinden. Besser kann ein Trainingslager wohl kaum sein…

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Istrien ist vor allem ein Abenteuer für Entdecker. Einfach wunderschön!

Gut zu wissen

Unglücklicherweise wurden wir von unserem Vermieter leider erst am Tag der Abreise darauf hingewiesen, dass es in Kroatien strenge Regeln für Radfahrer gibt. So dürfen Radfahrer einer Gruppe beispielsweise nicht nebeneinander fahren. Radwege (falls vorhanden) sind zu nutzen und falls keine vorhanden sind, muss so nahe am rechten Fahrbahnrand gefahren werden, wie möglich. Auch das freihändige Fahren stellt einen Verstoß gegen das Gesetz dar. All das war uns zu Beginn unserer Reise zwar nicht bewusst, dass wir jedoch (nebeneinander fahrend) von einem Polizeiauto angehupt wurden, hatte uns Ähnliches bereits vermuten lassen.

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So nicht! In Kroatien ist das Fahren im Windschatten Gesetz.

Generell gilt, dass sich der Rennrad-Tourismus in den vergangenen Jahren erst langsam etabliert hat. Viele BewohnerInnen Istriens bewegen ihre Kraftfahrzeuge deshalb bei Weitem nicht mit jener Vorsicht, die man beispielsweise von MallorquinerInnen gewöhnt ist. Ein erhöhtes Maß an Rücksichtnahme und Vorsicht sollte daher auf jeder Packliste stehen.


Weitere Informationen

Natürlich waren wir keineswegs die ersten Rennradfahrer in Istrien. Aus diesem Grund haben wir dir hier eine Liste, weiterer Meinungen und Erfahrungsberichte zusammengestellt. Viel Spaß beim Lesen!


© Lukas

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Ein Kommentar zu “„Rennrad Istrien“

  1. Hallo !
    Hab ich auch schon alles abgeradelt, und nach dem 1. Kurzurlaub (schon eine Weile her) bin ich in Istrien nur mehr mit dem Crosser unterwegs.
    Da gibts dann doch noch ein paar wunderbare Ecken zu entdecken/erfahren!
    Rudi

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